Special exhibition at the Günter Grass House
Seit seiner Eröffnung im Jahr 2002 ist das Günter Grass-Haus ein lebendiger Ort der Auseinandersetzung mit Kunst, Sprache und Zeitgeschichte. Hier wird der Nobelpreisträger Grass nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Zeichner, Bildhauer und engagierter Zeitzeuge erlebbar. Mehrfach hat uns das Grass-Haus bereits den Menschen Günter Grass nähergebracht. Immer wieder greift es für seine Ausstellungen Aspekte auf, die uns emotional berühren. Ich denke z.B. an „Grass tanzt“ oder „Grass kocht“.
Die aktuelle Sonderausstellung im ersten Obergeschoss des Hauses in der Glockengießerstraße 21 widmet sich Günter Grass als Nachbarn. Und dem Thema „Heimat“, dem sich Grass in seinem Leben und Werk immer wieder auf unterschiedliche Weise genähert hat. Wo fühlt sich ein Mensch geborgen? Was ist überhaupt Heimat? Wo fühlte sich Günter Grass zuhause? Wie ein roter Faden geleitet uns die Frage durch die Ausstellung von Danzig bis nach Lübeck. Lass‘ uns gemeinsam an einigen Stationen der Ausstellung innehalten.
The Word Waterfall
Ein überraschendes Element ist der „Wort-Wasserfall“, der gleich beim Betreten des Raumes die Blicke auf sich zieht und als Bindeglied zwischen den einzelnen Stationen der Ausstellung dient: In der Installation projeziert der Lichtkünstler Thorsten Bauer Wörter auf fließendes Wasser. Günter Grass als Wort-Zauberer wird hier lebendig und als Ausstellungsgast erlebst du direkt einen Moment der Entschleunigung. Saure-Gurken-Gier. Heimatschmonzette. Bitte stehenbleiben und mitlesen.

Im Becken unterhalb dieses Wort-Wasserfalls sollen in den kommenden Wochen möglichst viele Badeenten eine neue Heimat finden, die Ausstellungsgäste mitbringen werden. Dies ist jedenfalls die Idee des Meuseumsteams. Badeenten? Günter Grass’ Badeente, taucht in „Mein Jahrhundert“ plötzlich zwischen Literatur und Leben auf, als ein Leser 1980 sie dem frisch gefeierten Autor der „Blechtrommel“ überreicht. Jahre später hielt Grass die Ente in einem zarten Aquarell fest. Hinter der niedlichen Ente verbirgt sich eine ernste Geschichte. Sie wurde zum Symbol für jene unscheinbaren Dinge, die Geschichte tragen und Erinnerungen wachrufen. Und kann eine Badeente nicht auch ein Symbol für ein Zuhause sein?

Gdansk
For Günter Grass and his family, their homeland of Danzig was as fleeting as flowing water. Grass's childhood was marked by loss and war. Only a few photographs remained. Grass was a refugee child and remained a lifelong seeker. However, he also experienced loss and homelessness as a form of liberation. His conviction was:
The horizons of the homeless are broader than those of the inhabitants of small and large inherited properties.

The wall of currents takes up the idea of flowing water. The beloved Baltic Sea near Gdansk. Later, the Baltic Sea near Lübeck. Leaving traces in the sand. Collecting stones, feathers, and amber. Here we encounter the man Grass. A display case shows some of his treasures, which he later also sketched.

The Lübeck city map
In Lübeck, Grass found an atmosphere reminiscent of Gdansk. He actively participated in political and social life, gave readings, campaigned for the Olympic Games, and supported Lübeck's bid to host the sailing events in 2002. He also lectured at the University of Lübeck. Newspaper clippings and photographs mark the moments and places of his work on a map of Lübeck on the wall to the left of the entrance. These include, for example, his entry in the Golden Book of the Hanseatic City of Lübeck and his being named "Pipe Smoker of the Year."




In 2014, Grass described a visit to the Lübeck Christmas market. In this manuscript, he shares thoughts that troubled him and reveals himself as a person whose life was frequently accompanied by dark emotions and melancholy.

Glockengießerstraße 21
The house on Glockengießerstraße was one of Grass's true havens. He kept his office here. His literary gatherings took place here. He managed his five foundations from here. He recorded his books here, and his first stop after receiving the Nobel Prize in Stockholm on September 30, 1990, following the press conference and a quick dentist appointment, was always Glockengießerstraße.

Grass himself said he felt very much at home in Lübeck and on Glockengießerstraße. He was perceived as an open and approachable person, and one might encounter him while shopping for pipe tobacco or corduroy trousers. Taking a selfie with him was also possible.
One of his immediate neighbors is Kurt Thater. A true friend, to be precise. One of the few people who, besides being a family member, was allowed to accompany Grass to Stockholm for the Nobel Prize ceremony.

Kurt Thater betreibt das direkt neben dem Günter Grass-Haus gelegene Wein Castell, das wir in einem unserer Artikel bereits kurz vorgestellt haben. Eines der Ausstellungsfotos zeigt ihn und Günter Grass in inniger Umarmung – aufgenommen anlässlich der Feier zur Verleihung des Literaturnobelpreises. Nun steht ein Generationenwechsel bevor: Kurt Thater wird sich bald zur Ruhe setzen. Die Nachfolge ist jedoch schon geklärt – und was für eine! Keine Geringere als die weltbekannte Kinderbuchautorin Cornelia Funke wird ab 2027 an dieser Stelle ihr „Tintencafé“ eröffnen. Wie Thater war auch sie eng mit Günter Grass verbunden. Ihre persönliche Schilderung der Begegnung mit Grass im Jahr 2014 findest du im digitalen Archiv des Günter Grass-Hauses – eine Begegnung voller Respekt, Staunen und leiser Nähe.
Behlendorf

In 1985, Günter and Ute Grass found their refuge in Behlendorf, in the district of Herzogtum Lauenburg: a house nestled in the Lauenburg terminal moraine landscape, which reminded Grass of his beloved Kashubia. The couple lived there for three decades – open, welcoming, with a view of the Elbe-Lübeck Canal. For Grass, Behlendorf became a "place of arrival, place of departure, and place of retreat," as he himself called it. From here, he traveled, got involved, and remained tirelessly committed – whether in the debate about refugee policy, in his work for Cap Anamur, or after the attack on the asylum seekers' home in Mölln in 1992.
Der große Garten, die alten Obstbäume, der stetige Blick aufs Wasser: all das wurde ihm zum Kraftort. Und Kraft schenkten ihm auch seine Tiere – Minka, die Katze, und vor allem Kara, der Hund. Mit Hunden aufgewachsen, genoss Grass ihre bedingungslose Nähe. Kara war mehr als Begleiter – oft auch Muse. „Hunde sind in der Lage, Dinge zu relativieren“, schrieb er einmal. Ein Satz, der viel sagt über den Menschen hinter dem Literaturnobelpreis.


The inner space – your inner space
Jede Ausstellung im Günter Grass-Haus lädt dazu ein, selbst aktiv zu werden. Auch diesmal hat sich das Team um Direktor Jörg-Philipp Thomsa und Kuratorin Julia Wittmer etwas Besonderes einfallen lassen: Wo ist deine Heimat? – mit dieser Frage setzten sich bereits im Vorfeld Kinder und Jugendliche auseinander, die am Lübecker Integrationsprojekt „Mama lernt Deutsch“ teilnehmen. Ihre Antworten – bunt, bewegend, vielstimmig – flossen in die Ausstellung ein. Und auch du bist eingeladen, deine Gedanken zu teilen. Ob schreibend, malend oder zeichnend – alles ist möglich. Denn Heimat hat viele Formen. Und jede darf gesehen werden




Vielleicht gehörst du zu denen, die sagen: „Wo mein Kühlschrank steht, ist mein Zuhause.“ – bitte sehr! Dann werde Teil der Ausstellung und bringe dich ein. In einem kleinen Innenraum wartet ein Kühlschrank auf deine Worte. Gestalte deinen ganz persönlichen, magischen, magnetischen Begriff – und platziere ihn genau dort. Ein stilles Statement, ein leiser Gedanke, ein Lächeln aus Sprache. Denn Heimat kann auch ein Wort sein, das haftet.

Es ist großartig zu sehen, wie es dem Team des Günter Grass-Hauses einmal mehr gelingt, sowohl eingefleischte Grass-Kenner:innen als auch jene, die ihm vielleicht zum ersten Mal begegnen, für das Leben und Werk dieses Ausnahmekünstlers zu begeistern. Günter Grass war ein Jahrhunderttalent – Literat, Zeichner, Denker. Aber eben auch: ein Mensch wie du und ich. Nutze die Gelegenheit, ihn neu zu entdecken. Die Sonderausstellung „Grass und Lübeck. Der Nachbar von nebenan.“ ist noch bis zum 13. April 2026 zu sehen – an dem Tag, an dem sich Grass’ Todestag zum zehnten Mal jährt.
Bettina und Christina Aust durften auch mit den LÜBECK ZWISCHENTÖNEN zum Start der Ausstellung dabei sein:

