Kind im Spielzimmer – Museum Behnhaus Lübeck

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Barbara Schwartz

Für die Lübeck ZWISCHENZEILEN begab ich mich kürzlich auf die Spur des Gemäldes „Kind im Spielzimmer“. Nach einem Gespräch mit dem Leiter des Museums Behnhaus Drägerhaus Dr. Alexander Bastek und der Unternehmerin und Kunstmäzenin Ellen Ehrich hatte ich ein ganz besonderes Ziel im Aegidienviertel im Visier: die Hauswand eines ehemaligen Bunkers in der Schildstraße. Dort befindet sich seit beinahe schon 10 Jahren das überlebensgroße Mural und Portrait eines Mädchens namens Else. Es hat an der Hauswand im Quartier ganz selbstverständlich seinen Platz gefunden – fast auf Augenhöhe mit dem gotischen Turm von St. Aegidien. Die Geschichte von Elses Portrait beginnt allerdings leise und im Privaten. Vor 125 Jahren im Salon ihres Elternhauses.

Die Geschichte hinter dem Portrait

1901 war Else vier Jahre alt und lebte in Berlin. Ihr Vater, der Kunsthistoriker Walther Gensel, war seit einem ersten Treffen in Paris mit dem Lübecker Maler Heinrich Eduard Linde-Walther befreundet. Linde-Walther malte Landschaftsbilder und Stillleben, widmete sich aber auch Alltagsszenen. Darüber hinaus fertigte er für private Auftraggeber:innen Portraits von Kindern an. Modell standen ihm auch die Kinder von Verwandten. Das in Lübeck so beliebte Gemälde der Söhne seines Bruders Max Linde hatten wir im Artikel über das wiedereröffnete Behnhaus kurz beschrieben.

Als Linde-Walther um die Erlaubnis bat, Else in ihrem heimischen Umfeld zu malen, wurde dies gern gestattet. Unter der Bedingung, dass das Gemälde ausschließlich privaten Zwecken dienen würde.

Um Ostern 1901 herum entstand das großformatige Portrait von Else Gensel. Es zeigt eine Alltagssituation im Salon des gutbürgerlichen Haushalts. Wir sehen einige Möbelstücke und einen Teppich. Warme Braun-, Beige- und Ockertöne bestimmen die Szene. Gebrochen werden diese von Weiß und weich-schimmernden Akzenten. Ein diffuses Tageslicht – vermutlich aus einem angrenzenden Raum – verstärkt die private, häusliche Atmosphäre.

Else steht im Vordergrund. Sie trägt ein kariertes Kleid und eine Spielschürze. Auf dem Parkettboden verstreut liegen Bilderbücher, Bauklötze, ein Ball und weitere Spielsachen. In der rechten Hand hält sie eine kleine Kirche. Natürlich konnte sie nicht im Entferntesten ahnen, dass sie als Kunstobjekt über 100 Jahre später auf eine gotische Kirche in Lübeck blicken würde.

Faszinierend finde ich, wie es dem Maler gelungen ist, Elses Blick einzufangen: Pfiffig und beinahe herausfordernd schaut sie uns an – und strahlt zugleich eine leise Melancholie aus.

Das Kind im Spielzimmer im Museum Behnhaus Drägerhaus
Herkunftsnachweis: Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus

Ein gebrochenes Versprechen

Das Portrait, das den Titel „Kind im Spielzimmer“ erhielt, war nie für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt. Doch der Maler setzte sich über die mit Elses Vater getroffene Vereinbarung hinweg. 1902 wurde das Gemälde nach Lübeck an das damalige Museum am Dom verkauft. Walther Gensel war verständlicherweise nicht erfreut. Ein Vertrauensbruch unter Freuden, der auch in der Rückschau nicht recht nachvollziehbar ist. 125 Jahre später überwiegt allerdings die Freude, dass das „Kind im Spielzimmer“ von uns allen gesehen werden darf. Elses Portrait ist ein stilles Plädoyer dafür, dass Kunst sichtbar sein sollte.

Else geht spielen

Es dauerte eine ganze Weile bis Else ihr Zuhause im Behnhaus für ihr erstes kleines Outdoor-Abenteuer verließ. Der französische Streetart-Künstler Julien de Casabianca hatte 2014 in Paris begonnen, Handyaufnahmen von Kunstwerken zu machen, sie auszudrucken und im öffentlichen Raum anzubringen.

Die Idee dieses Outing-Projekts griffen Menschen in verschiedenen Städten weltweit auf. So auch die Lübecker Künstlerinnen Ulrike Heil und Ingeborg Pieper. Ende 2015 fotografierten sie einige Bilder im Museum Behnhaus Drägerhaus. Sie wählten Ausschnitte und brachten sie in der Lübecker-Altstadt an verschiedenen Orten an. Die Street-Art-Aktion wurde in Lübeck begeistert aufgenommen. Auch Else, das Kind im Spielzimmer, wurde von den Künstlerinnen aus dem Museum hinaus ins echte Leben geschickt. Sie fand ihren Platz in der Nähe eines Spielplatzes an der Kanalstraße und traf auf diese Weise endlich einmal auf andere Kinder.

Mural und Streetart vom Kind im Spielzimmer

Else zieht ins Aegidienviertel

2016 besuchte Casabianca auf Initiative von Dr. Bastek das Behnhaus und wählte Else für sein Lübecker Outing-Projekt. Das Portrait des Kindes habe ihn spontan berührt, sagte er. Else wuchs nun auf die monumentale Größe von rund 14 Metern heran und blickt seitdem von der Bunkerwand.

Mural und Streetart vom: Das Kind im Spielzimmer im Museum Behnhaus Drägerhaus

Dass Else nun bereits 10 Jahre eine liebgewonnene Bewohnerin des Aegidienvertels ist, verdankt Lübeck den HANSE-Unternehmerinnen. Ellen Ehrich ist eine der Gründerinnen dieses Netzwerks, das 2026 sein 15-jähriges Jubiläum feiert. Das Lübecker Casabianca-Projekt unterstützten die Unternehmerinnen 2015 mit einer großzügigen Spende. Und sie blieben als Beschützerinnen an Elses Seite. Das Wandgemälde erhielt eine Schutzschicht und wurde zwischenzeitlich behutsam restauriert. Wind und Wetter haben der großen Else zugesetzt. Ellen Ehrich hatte den Restaurator Dirk Helbig Ende 2025 gebeten, ihren aktuellen Zustand geprüft. Im Frühjahr 2026 wird entschieden, ob eine Reinigung und Wiederherstellung einen weiteren Verbleib an der Hauswand ermöglichen. Viele Lübecker:innen hoffen sehr, dass ihre stille Mitbewohnerin bleiben kann.

Mural und Streetart vom: Das Kind im Spielzimmer im Museum Behnhaus Drägerhaus

Post aus Rendsburg

Dr. Basteks Initiative stieß auf große Resonanz und löste eine breite mediale Berichterstattung über das Lübecker Outing-Projekt aus. Else zeigte ihr Gesicht weit über Lübeck hinaus – und so erreichte das Behnhaus schließlich ein ganz besonderer Brief. Geschrieben hatte ihn Else Gensels bereits hochbetagter Sohn. Er schilderte, dass seine Mutter sich zeitlebens daran erinnert habe, als kleines Mädchen gemalt worden zu sein. Doch die Familie habe nicht gewusst, was aus dem Bild geworden sei. Umso größer sei die Überraschung gewesen, das Kinderportrait plötzlich in einem Zeitungsartikel wiederzusehen.

Else – die Reisende

Im Laufe der Jahre war das „Kind im Spielzimmer“, das heute zu den bedeutenden Werken des deutschen Impressionismus zählt, in Museen im In- und Ausland zu Gast. Auch aktuell ist das Gemälde unterwegs. Nach einer Station in Baden-Baden ist es vom 28. Februar bis 7. Juni 2026 im Museum Barberini in Potsdam in der Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ zu sehen.

Danach kehrt Else zurück ins Behnhaus. Für mich ein guter Grund, mich schon jetzt auf den kommenden Sommer zu freuen – und sie dort wieder willkommen zu heißen. Inzwischen erwartet uns Else im Aegidienviertel. Statte ihr doch dort (wieder) einmal einen Besuch ab. Schaue dich in St. Aegidien um, besuche die Kunsthalle St. Annen oder genieße eine Auszeit im Café Konvent. Vielleicht denkst du dabei an ein Portrait, das du in einem Outing-Projekt gern aus einem Museum befreien würdest.

Mural und Streetart vom: Das Kind im Spielzimmer im Museum Behnhaus Drägerhaus

Titelbild: Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus

3 Kommentare zu „Kind im Spielzimmer – Museum Behnhaus Lübeck“

  1. Liebe Frau Schwartz!

    Es ist wunderbar , dass Sie über Else schreiben und ihren Weg in allen Positionen zeichnen .
    Aus einer spontanen Idee heraus , habe ich vor einiger Zeit über Elses Zustand am Hochbunker ans Behnhaus geschrieben ( wie schon seit 2016 regelmäßig, wenn die Schuhe eingerissen oder abgefetzt waren ); Else ginge es wirklich elend …
    Und bekam eine wunderbar erläuternde Antwort von Dr Bastek ! Dankbar und erfreut nahm ich die Tatsache hin , dass Julien de Casabianca eben möchte , dass sein Werk verlischt.. und man somit kaum etwas tun kann .
    Und dann erhielt ich einen Anruf von Frau Ehrich , dass man doch einen Weg gefunden habe , Else quasi zu erfrischen und im Mai damit beginnen werde.
    Das Alles nur in Kürze , Sie können sich sicher die große Freude über dies keineswegs erwartete Erlebnis vorstellen !
    Mit freundlichen Grüßen
    Bettina Spohr
    Weberstr 1F
    23552 Lübeck

    Antworten
    • Liebe Frau Spohr, dann sind ja Sie ganz offensichtlich eine von Elses aufmerksamen Nachbar:innen, denen ihr Wohlergehen seit 2016 am Herzen liegt. Danke, dass Sie die gute Nachricht der bevorstehenden Erfrischungskur mit uns teilen. Das freut mich sehr. Viele Grüße zurück!

      Antworten

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geschrieben von:

Barbara Schwartz

Kennst du das auch? Du kommst an einer Inschrift, einer Skulptur oder einer Gedenktafel vorbei und musst einfach stehenbleiben, um herauszufinden, was es damit auf sich hat? So geht es mir. IMMER! „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ Ich kann Goethe an dieser Stelle nur hundertprozentig zustimmen. Genau deshalb möchte ich nie aufhören, das nur scheinbar Unwichtige aufzuspüren, Zusammenhänge zu erkennen, Neues zu erfahren und Menschen und ihren Geschichten auf die Spur zu kommen. Okay und zu lange Sätze zu schreiben .. . Und neue Sprachen zu lernen natürlich ...

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