Grass und Lübeck, der Nobelpreisträger von nebenan

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Barbara Schwartz

Sonderausstellung im Günter Grass-Haus

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2002 ist das Günter Grass-Haus ein lebendiger Ort der Auseinandersetzung mit Kunst, Sprache und Zeitgeschichte. Hier wird der Nobelpreisträger Grass nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Zeichner, Bildhauer und engagierter Zeitzeuge erlebbar. Mehrfach hat uns das Grass-Haus bereits den Menschen Günter Grass nähergebracht. Immer wieder greift es für seine Ausstellungen Aspekte auf, die uns emotional berühren. Ich denke z.B. an „Grass tanzt“ oder „Grass kocht“.

Die aktuelle Sonderausstellung im ersten Obergeschoss des Hauses in der Glockengießerstraße 21 widmet sich Günter Grass als Nachbarn. Und dem Thema „Heimat“, dem sich Grass in seinem Leben und Werk immer wieder auf unterschiedliche Weise genähert hat. Wo fühlt sich ein Mensch geborgen? Was ist überhaupt Heimat? Wo fühlte sich Günter Grass zuhause? Wie ein roter Faden geleitet uns die Frage durch die Ausstellung von Danzig bis nach Lübeck. Lass‘ uns gemeinsam an einigen Stationen der Ausstellung innehalten.

Der Wort-Wasserfall

Ein überraschendes Element ist der „Wort-Wasserfall“, der gleich beim Betreten des Raumes die Blicke auf sich zieht und als Bindeglied zwischen den einzelnen Stationen der Ausstellung dient: In der Installation projeziert der Lichtkünstler Thorsten Bauer Wörter auf fließendes Wasser. Günter Grass als Wort-Zauberer wird hier lebendig und als Ausstellungsgast erlebst du direkt einen Moment der Entschleunigung. Saure-Gurken-Gier. Heimatschmonzette. Bitte stehenbleiben und mitlesen.

Sonderausstellung von Günter Grass in Lübeck

Im Becken unterhalb dieses Wort-Wasserfalls sollen in den kommenden Wochen möglichst viele Badeenten eine neue Heimat finden, die Ausstellungsgäste mitbringen werden. Dies ist jedenfalls die Idee des Meuseumsteams. Badeenten? Günter Grass’ Badeente, taucht in „Mein Jahrhundert“ plötzlich zwischen Literatur und Leben auf, als ein Leser 1980 sie dem frisch gefeierten Autor der „Blechtrommel“ überreicht. Jahre später hielt Grass die Ente in einem zarten Aquarell fest. Hinter der niedlichen Ente verbirgt sich eine ernste Geschichte. Sie wurde zum Symbol für jene unscheinbaren Dinge, die Geschichte tragen und Erinnerungen wachrufen. Und kann eine Badeente nicht auch ein Symbol für ein Zuhause sein?

Sonderausstellung im Günter-Grass-Haus in Lübeck

Danzig

So flüchtig wie das fließende Wasser war für Günter Grass und seine Familie die Heimat Danzig. Grass‘ Kindheit war geprägt durch Verlust und den Krieg. Geblieben waren nur einige Fotos. Grass war ein Flüchtlingskind und blieb ein lebenslang Suchender. Allerdings empfand er den Verlust und die Heimatlosigkeit auch als eine Form der Befreiung. Seine Überzeugung lautete:

Dem Heimatlosen sind die Horizonte weiter gespannt als den Bewohnern kleiner und größerer Erbgrundstücke

Günter Gras und Danzig - Sonderausstellung im Günter-Grass-Haus in Lübeck

Die Wand der Strömungen greift den Gedanken des fließenden Wassers auf. Die geliebte Ostsee nahe Danzig. Später die Ostsee nahe Lübeck. Spuren im Sand hinterlassen. Steine, Federn, Bernstein sammeln. Hier begegnet uns der Mensch Grass. Eine Vitrine zeigt einige seiner Schätze, die er später auch gezeichnet hat.

Die Ostsee und Günter Grass - Sonderausstellung im Günter-Grass-Haus in Lübeck

Der Lübeck-Stadtplan

In Lübeck fand Grass eine Atmosphäre, die ihn an Danzig erinnerte. Er nahm aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben teil, gab Lesungen, engagierte sich im Wahlkampf und für die Olympia-Bewerbung Lübecks um die Austragung der Segelolympiade im Jahr 2002. Und er hielt Vorlesungen an der Universität zu Lübeck. Zeitungsausschnitte und Fotos verorten Momente und Stätten seines Wirkens auf einem Lübeck-Stadtplan an der Wand links vom Eingang. So beispielsweise auch die Eintragung ins Goldene Buch der Hansestadt Lübeck und die Ernennung zum „Pfeifenraucher des Jahres“.

Sonderausstellung im Günter-Grass-Haus in Lübeck

2014 beschrieb Grass einen Besuch auf dem Lübecker Weihnachtsmarkt. In diesem Manuskript teilt er Gedanken mit uns, die ihn bedrückten und zeigt sich als eine Person, die in ihrem Leben häufig von dunklen Emotionen und Melancholie begleitet wurde.

Manusskript von Günter Grass

Glockengießerstraße 21

Das Haus in der Glockengießerstraße war einer von Grass‘ echten Wohlfühlorten. Hier unterhielt er sein Büro. Hier fanden seine Literaturtreffen statt. Von hier aus verwalte er seine fünf Stiftungen. Hier las er seine Bücher ein, und der erste Weg nach der Verleihung des Nobelpreises in Stockholm am 30. September 1990, nach der anschließenden Pressekonferenz und einem noch dazwischengeschobenen Zahnarztbesuch führte ihn direkt in die Glockengießerstraße.

Sonderausstellung im Günter-Grass-Haus in Lübeck

In Lübeck und in der Glockengießerstraße hat Grass sich nach eigener Aussage gut aufgehoben gefühlt. Man erlebte ihn als offene und ansprechbare Persönlichkeit, konnte ihm beim Einkauf von Pfeifentabak oder Cordhosen begegnen. Ein Selfie mit ihm machen.

Einer der direkten Nachbarn ist Kurt Thater. Ein echter Freund, um genauer zu sein. Eine der wenigen Personen, die Grass als Nicht-Familienmitglied nach Stockholm zur Verleihung des Noblpreises begleiten durfte.

Kurt Thater und Günter Grass in Lübeck


Kurt Thater betreibt das direkt neben dem Günter Grass-Haus gelegene Wein Castell, das wir in einem unserer Artikel bereits kurz vorgestellt haben. Eines der Ausstellungsfotos zeigt ihn und Günter Grass in inniger Umarmung – aufgenommen anlässlich der Feier zur Verleihung des Literaturnobelpreises. Nun steht ein Generationenwechsel bevor: Kurt Thater wird sich bald zur Ruhe setzen. Die Nachfolge ist jedoch schon geklärt – und was für eine! Keine Geringere als die weltbekannte Kinderbuchautorin Cornelia Funke wird ab 2027 an dieser Stelle ihr „Tintencafé“ eröffnen. Wie Thater war auch sie eng mit Günter Grass verbunden. Ihre persönliche Schilderung der Begegnung mit Grass im Jahr 2014 findest du im digitalen Archiv des Günter Grass-Hauses – eine Begegnung voller Respekt, Staunen und leiser Nähe.

Behlendorf

Behlendorf im Kreis Herzogtum Lauenburg - Sonderausstellung im Günter-Grass-Haus in Lübeck


In Behlendorf im Kreis Herzogtum Lauenburg fanden Günter und Ute Grass 1985 ihr Refugium: ein Haus inmitten der lauenburgischen Endmoränenlandschaft, die Grass an die geliebte Kaschubei erinnerte. Drei Jahrzehnte lebte das Ehepaar dort – offen, zugewandt, mit Blick auf den Elbe-Lübeck-Kanal. Für Grass wurde Behlendorf zum „Ankunftsort, Ausgangsort und Rückzugsort“, wie er es selbst nannte. Von hier aus reiste er, mischte sich ein, blieb unermüdlich engagiert – ob in der Debatte um die Flüchtlingspolitik, beim Einsatz für Cap Anamur oder nach dem Anschlag auf das Asylbewerberheim in Mölln 1992.

Der große Garten, die alten Obstbäume, der stetige Blick aufs Wasser: all das wurde ihm zum Kraftort. Und Kraft schenkten ihm auch seine Tiere – Minka, die Katze, und vor allem Kara, der Hund. Mit Hunden aufgewachsen, genoss Grass ihre bedingungslose Nähe. Kara war mehr als Begleiter – oft auch Muse. „Hunde sind in der Lage, Dinge zu relativieren“, schrieb er einmal. Ein Satz, der viel sagt über den Menschen hinter dem Literaturnobelpreis.

Sonderausstellung im Günter-Grass-Haus in Lübeck
Sonderausstellung über Günter Grass in Lübeck

Der Inneraum – dein innerer Raum

Jede Ausstellung im Günter Grass-Haus lädt dazu ein, selbst aktiv zu werden. Auch diesmal hat sich das Team um Direktor Jörg-Philipp Thomsa und Kuratorin Julia Wittmer etwas Besonderes einfallen lassen: Wo ist deine Heimat? – mit dieser Frage setzten sich bereits im Vorfeld Kinder und Jugendliche auseinander, die am Lübecker Integrationsprojekt „Mama lernt Deutsch“ teilnehmen. Ihre Antworten – bunt, bewegend, vielstimmig – flossen in die Ausstellung ein. Und auch du bist eingeladen, deine Gedanken zu teilen. Ob schreibend, malend oder zeichnend – alles ist möglich. Denn Heimat hat viele Formen. Und jede darf gesehen werden

Vielleicht gehörst du zu denen, die sagen: „Wo mein Kühlschrank steht, ist mein Zuhause.“ – bitte sehr! Dann werde Teil der Ausstellung und bringe dich ein. In einem kleinen Innenraum wartet ein Kühlschrank auf deine Worte. Gestalte deinen ganz persönlichen, magischen, magnetischen Begriff – und platziere ihn genau dort. Ein stilles Statement, ein leiser Gedanke, ein Lächeln aus Sprache. Denn Heimat kann auch ein Wort sein, das haftet.

Sonderausstellung über Günter Grass in Lübeck

Es ist großartig zu sehen, wie es dem Team des Günter Grass-Hauses einmal mehr gelingt, sowohl eingefleischte Grass-Kenner:innen als auch jene, die ihm vielleicht zum ersten Mal begegnen, für das Leben und Werk dieses Ausnahmekünstlers zu begeistern. Günter Grass war ein Jahrhunderttalent – Literat, Zeichner, Denker. Aber eben auch: ein Mensch wie du und ich. Nutze die Gelegenheit, ihn neu zu entdecken. Die Sonderausstellung „Grass und Lübeck. Der Nachbar von nebenan.“ ist noch bis zum 13. April 2026 zu sehen – an dem Tag, an dem sich Grass’ Todestag zum zehnten Mal jährt.

Bettina und Christina Aust durften auch mit den LÜBECK ZWISCHENTÖNEN zum Start der Ausstellung dabei sein:

Hör mal rein:

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Barbara Schwartz

Kennst du das auch? Du kommst an einer Inschrift, einer Skulptur oder einer Gedenktafel vorbei und musst einfach stehenbleiben, um herauszufinden, was es damit auf sich hat? So geht es mir. IMMER! „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ Ich kann Goethe an dieser Stelle nur hundertprozentig zustimmen. Genau deshalb möchte ich nie aufhören, das nur scheinbar Unwichtige aufzuspüren, Zusammenhänge zu erkennen, Neues zu erfahren und Menschen und ihren Geschichten auf die Spur zu kommen. Okay und zu lange Sätze zu schreiben .. . Und neue Sprachen zu lernen natürlich ...

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