DEFACTO ART KUNSTTANKSTELLE

Geschrieben am:

Barbara Schwartz, Autorin Lübeck Zwischenzeilen

von:

Barbara Schwartz

Leo Tolstoi ist ja nicht gerade berühmt für kurze Abhandlungen. Man denke nur an sein Monumentalwerk „Krieg und Frieden“. So überrascht es nicht, dass er sich auch der Frage „Was ist Kunst?“ auf 237 Seiten widmete. Er war überzeugt, dass Menschen einander durch die Kunst ihre Gefühle mitteilen. Ein spannender Ort in Lübeck, Tolstois Frage nachzugehen, Kunst zu erleben und in den Austausch mit Kreativen zu kommen, ist mein heutiges Ziel: die Defacto Art Kunsttankstelle in der Wallstraße 3.

Mein Gesprächspartner ist der 1. Vorsitzende des Vereins Peter Fischer, der mich spontan aufs Dach einlädt. Hätte ich das geahnt, trüge ich festes Schuhwerk…. Ein Micro-Abenteuer, auf das ich mich aber sehr gern einlasse. Von dort oben habe ich nämlich das zum Greifen naheliegende Holstentor und die gegenüberliegende Obertrave mit dem prägnanten Turm von St. Petri noch nie gesehen. Wir begutachten die neuen Oberlichter. Einige der 1951 eingesetzten Scheiben bedurften der Erneuerung. Womit wir auch gleich beim Thema sind: die vergangenen Monate des Lockdowns wurden für umfassende Modernisierungs- und Instandsetzungsarbeiten der Defacto Art Kunsttankstelle genutzt, die vor allem dank der für Lübeck so unschätzbar wichtigen Possehl-Stiftung möglich gemacht werden konnten. Neue Sanitäranlagen, ein Versammlungsraum, eine neue Küche, ein komplett neuer Estrichbelag im Werkstattgebäude, 18 neue Doppeltüren, die jeweils individuell bemaßt und angefertigt werden mussten.

Die Defacto Art Kunsttankstelle sieht frisch aus, ist aber nicht makellos. Nicht überall ist alles aufgeräumt, nicht alles ist glatt und schier. Und genau solch ein „Work in progress“ soll die Kunsttankstelle auch sein. Die Anlage hat sich ihren einzigartigen post-industriellen Charme bewahrt.

benzin für die seele

1926 wurde in den Salzspeichern der Betrieb Schulze & Oltmanns gegründet. Es gab dort eine Autowerkstatt, eine Tankstelle und eine Garagenvermietung. Die Tankstelle befand sich an der Straße, die Stellplätze in den Speichern, eine Hebebühne draußen davor im Freien. 1936 sollten die Salzspeicher saniert und anschließend als Kaufhaus genutzt werden. Als Ersatz erhielt der Firmengründer von der Stadt das benachbarte Grundstück Wallstraße 3/5, auf dem er eine neue Tankstelle errichtete. 1951 wurden ein Garagenhof und die Werkstatt- bzw. Waschhalle angebaut. 1989 wurde der Tankstellenbetrieb eingestellt, 2011 endete der Pachtvertrag mit der Stadt. Seitdem lag das Gelände brach, die Gebäude waren dem Verfall preisgegeben.

2016 wurden die Gebäude dem Künstlerverein Defacto Art e.V. an die Hand gegeben, nachdem es insbesondere für freischaffende bildende Künstler:innen und Kunsthandwerker:innen immer schwieriger geworden war, kleine Ateliers und Werkstätten in zentralen Lagen anzumieten. Eigentümer ist der Verein jedoch erst seit 2020. Damit haben viele Kreative einen Platz gefunden, um ihre Arbeiten auszustellen. Im U-förmigen Innenhof sind alle Werkstätten bereits vergeben. Und erst vor wenigen Wochen wurden weitere Garagen mit Blick auf die Spitzen des Holstentores ihrer Bestimmung übergeben.

Die gestalterische Bandbreite der 55 Künstlerinnen und Künstler der Defacto Art Kunsttankstelle reicht von der Fotografie über Grafik, Malerei und Skulptur bis zu interaktiven Installationen. Die Kunstschaffenden möchten mittendrin sein. Ansprechbar sein für Gäste, die spontan vorbeikommen und für diejenigen, die die Ausstellungen besuchen.

THINKING OUTSIDE THE (ART)BOX

Dass Kunst nicht abgehoben wirken muss, war auch mein Eindruck bei meinem ersten Besuch hier zur Museumsnacht 2015. Was kann es Schöneres geben, als sich treiben zu lassen, einen Blick in die Werkstätten zu werfen, mit einem Kreativen ins Gespräch zu kommen. Talente zu bewundern. Auch mal fragend stehenzubleiben und sich die vielzitierte Frage zu stellen: Ist das Kunst? Oder kann das weg? Auch das ist unbedingt erlaubt. Ja sogar erwünscht. Peter Fischer ist davon überzeugt, dass ein Mensch exakt in dem Moment mit Kunst in den Dialog tritt, in dem er vor einem Werk verharrt. Sich fragt, was das (sein) soll. Feststellt, dass er damit nichts anfangen kann. Oder aber, dass es eine Saite in ihm zum Klingen bringt.

Die Freiheit der Defacto Art Kunsttankstelle

Schließlich gibt es keinen „Bestimmer“, der sagt, was richtig oder falsch ist, wenn es um Kunst geht. Daher macht sie ja auch so viel Spaß. Man muss kein Studium absolviert haben, um sich über Kunst äußern zu dürfen. Alles, was es braucht, ist Mut zum Hinschauen und das Zulassen der eigenen Eindrücke und Emotionen. Und spätestens seit Joseph Beuys wissen wir: „Alles ist Kunst“. Also auch das Kuriose. Das erinnert mich an die aktuelle Folge des Podcast „Lübeck Zwischentöne“, in dem wir ebenfalls einen Ausflug in die Kunst und Kultur machen.

Dies ist eine der am häufigsten fotografierten Installationen Lübecks, die „Verkündigung“, bestehend aus einer Gruppe von auf einem Drahtseil balancierenden Schaufensterpuppen. Kunstschaffende symbolisierend, die nach einem Ort suchen, ihre Werke kreieren und zeigen zu können und denen ein Verkündigungsengel die frohe Botschaft übermittelt, dass es in der Kunsttankstelle einen Platz für sie gibt.

Die Defacto Art Kunsttankstelle in Lübeck

bis die bohrmuscheln kamen…

Mein absoluter Lieblingsplatz ist der rund 400 qm große Garten, den man durch das Werkstattgebäude erreicht. Hier steht auch Peter Fischers „Trabohran“, der TRAvemünder BOHRmuschelpfahlschwAN, der wiederum seine ganz eigene, eng mit der Trave, der Ostsee und den Bohrmuscheln verwobene Geschichte erzählt. Ich verrate dir nur, dass er in seinem ersten Leben eine Lärche war und dann rund 40 Jahre im Travemünder Hafen als Rammpfahl seinen Dienst versah.

Vom Garten bietet sich ein grandioser Blick auf das Ufer der Trave, vorbeiziehende Paddelboote, die Sonne genießende Menschen und eine Entenfamilie. Eine fast schon privat anmutende Atmosphäre. Hier unter Weidenbäumen sitzend gehört mir Lübeck in aller Pracht, aber auch mit allen Ecken und Kanten, die die Kunsttankstelle bewahrt hat, beinahe ganz allein. Aber vielleicht kommst du dazu?

Alle Infos zur Defacto Art Kunsttankstelle findest du hier:

Und glauben Sie, man könnte sprechen über Kunst?
Es wäre das gleiche, als wollte man die Liebe erklären. Eleonora Duse

geschrieben von:

Barbara Schwartz, Autorin Lübeck Zwischenzeilen

Barbara Schwartz

Kennst du das auch? Du kommst an einer Inschrift, einer Skulptur oder einer Gedenktafel vorbei und musst einfach stehenbleiben, um herauszufinden, was es damit auf sich hat? So geht es mir. IMMER! „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ Ich kann Goethe an dieser Stelle nur hundertprozentig zustimmen. Genau deshalb möchte ich nie aufhören, das nur scheinbar Unwichtige aufzuspüren, Zusammenhänge zu erkennen, Neues zu erfahren und Menschen und ihren Geschichten auf die Spur zu kommen. Okay und zu lange Sätze zu schreiben .. . Und neue Sprachen zu lernen natürlich ...

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2 Gedanken zu „DEFACTO ART KUNSTTANKSTELLE“

  1. Hallo Barbara, mir gefällt dein Schreibstil. Du gibst den Tipps eine sehr persönliche Note. Freue mich auf weitere Neuigkeiten. VIele Grüße von Darja

    Antworten
    • Hallo Darja, wie schön, dass dir die Beiträge gefallen. Die Ideen gehen uns bestimmt nicht aus. Viele Grüße von Barbara

      Antworten

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