Galerie für eine Nacht

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Barbara Schwartz

Es gibt ja diese Eine-Nacht-Experiences, die nicht zwingend nach einer Wiederholung schreien. Und aus anderen ergibt sich etwas Wunderbares. Zu sehen und zu erleben in Lübecks Altstadt in Gabi Bannows „Galerie für ein Nacht“, die im Gebäude im Tünkenhagen 32 zeitgenössische Kunst zeigt – einer Altstadtgasse, die übrigens 1313 zum ersten Mal Erwähnung fand und bis heute ein geschlossenes Bild historischer Bebauung aufweist.

Omas Laden

Ich bin jedes Mal verzaubert, wenn ich die Galerie betrete. Das mag daran liegen, dass ich mich in meine Kindheit zurückversetzt fühle als Unverpackt-Läden etwas vollkommen Alltägliches waren. Nur hießen sie damals nicht so. Gabi Bannows Großeltern betrieben im Erdgeschoss ihr Kolonialwarengeschäft. Beinahe alles sieht dort noch so aus wie damals: die Taschenablage vor dem Verkaufstresen, die kleinen Tütchen für lose Ware, die Registrierkasse. Es gibt so unglaublich viele Details zu entdecken. Dabei betreibt Gabi Bannow hier keineswegs ein Museum. Sie nutzt das charmante Ambiente des ehemaligen Ladens, um ihre Kunstwerke zu präsentieren. Die hölzernen Schubladen und Wandregale dienen als Hintergrund für ihre Bilder. Gabi Bannow hat im Laufe der Zeit hier einen Konzept-Store geschaffen, in dem das historische Interieur einen spannenden Kontrast zu ihren zeitgenössischen Werken bildet.

Die gebürtige Lübeckerin ist in diesem Tante-Emma-Laden praktisch groß geworden. Das Antiquitätengeschäft Bannow Antik ihrer Eltern lag nur zwei Straßen entfernt. So kam sie häufig, um bei Oma und Opa Zeit zu verbringen und beim Auffüllen der Regale zur Hand zu gehen. Und sie erlebte täglich, dass die Oma der Kundschaft nicht nur Ware verkaufte. Der Laden war ein Anlaufpunkt, ein Ort, an dem man Neuigkeiten erfuhr und sein Herz ausschütten konnte. Deshalb überrascht es mich überhaupt nicht, dass Gabi Bannow mit und in ihrer Galerie Menschen zusammenbringen möchte. So wie damals ihre Oma – wenn auch mit anderen Mitteln. Mit Farben und Leinwand.

Dornröschen erwacht

Seit ihrer Kindheit hängt ihr Herz am Zeichnen und Malen. Nach dem Abschluss an der Ernestinenschule entschied sie sich für ein Modedesign-Studium an der damaligen Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg, das ihre Arbeit bis heute prägt. Eine Ausbildung zur Restauratorin für Ölgemälde schloss sich an. Als Gabi Bannow mit ihren Kindern das großelterliche Haus bezog, schlummerte das historische Gemäuer noch wie ein ungeküsstes Dornröschen. Sie habe diesen besonderen Ort ganz langsam immer mehr zu schätzen gelernt, sagt sie. Die Idee, mehr daraus zu machen, sei entstanden, nachdem sie 2006 erstmals an der Museumsnacht teilgenommen hatte. Ihre Ausstellung „für eine Nacht“ war damals DER Geheimtipp der Museumsnacht. Das Publikum reagierte überschwänglich auf diesen Schatz inmitten der Lübecker Altstadt und Gabi Bannow wagte den Schritt, den Krämerladen in eine Galerie zu verwandeln und aus der einen Nacht eine Liebe fürs Leben zu machen.

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Vintage-Café

Die Entwicklung vollzog sich Schritt für Schritt, beinahe wie von selbst. Gabi Bannow möchte Menschen in ihre Galerie einladen und ihnen Zeit zum Verweilen geben. Zum Eintauchen in ihre Bilder. Und wie gelänge dies besser als bei einer guten Tasse frisch gebrühten Filterkaffees und einem Stück selbstgebackenen Kuchens? Nicht irgendein Kaffee natürlich. Die Galerieinhaberin hat auch eine Barista-Ausbildung absolviert und brüht für ihre Gäste leicht gerösteten Kaffee aus New York City, Barcelona und Kopenhagen aus Arabica-Bohnen auf. In Lübeck ist ihr Galeriecafé mit ihrem feinen Kaffeesortiment daher ein Geheimtipp.

Genau deshalb mag auch ich Gabi Bannows behutsam gestaltete Gesamtinstallation so sehr. An einem Nierentischchen sitzend, den Blick schweifen lassend, nehme ich die gemalten Szenen in mir auf und spüre den Farben nach. Ich freue mich über die zierlichen Vintage-Möbel aus den 1960er Jahren, die man direkt vor Ort auch erwerben kann. Und fühle mich direkt in meine Teenagerjahre zurückgeworfen als ich die von der Decke hängenden Makramee Blumenampeln entdecke. Wirklich alles kommt wieder!

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Groupie inside

Gabi Bannows Bilder entfalten in dieser inspirierenden Umgebung ihre Wirkung. Körperstudien sind ihr Ding. Sie liebt es, Menschen zu beobachten und Alltagsszenen aus der Großstadt in ihren Gemälden zum Leben zu erwecken. Menschen in der U-Bahn, wartend, auf ihr Smartphone starrend.

Andere ihrer Werke zeigen weltbekannte Musiker wie Bob Dylan, David Bowie und John Lennon & Yoko Ono. Für diese Arbeiten dienen ihr Fotos als Vorlagen. Wie kam sie auf dieses Thema? Gabi Bannow meint, dass sie so verborgenen Sehnsüchten nachspüren könne, dem Rockstar in ihr oder dem Groupie. Fest steht auf jeden Fall, dass die Malerei ihr die Chance gibt, innere Anteile zu entdecken und mit Farben und Kreationen auszuleben. Sie stellt sich und ihre Arbeiten auch immer mal wieder in Frage, probiert in ihrem Atelier im 2. Obergeschoss Neues aus, setzt sich mit Farben auseinander. Gibt ihren Bildern die Chance Antworten zu geben. Als ihr ihr Werk „Special moment“, das die Beatles und die Stones gemeinsam im Zug sitzend zeigt, auch nach mehreren Überarbeitungsschritten noch nicht gefiel, ließ sie es eine Weile stehen und erkannte plötzlich ganz deutlich: „Das Bild ist bereits komplett.“

ZwischenTöne Snack

„Frau Bannow, was treibt Sie an?“

Ort der Begegnung

Die Künstlerin lädt regelmäßig zu Lesungen und Liederabenden ein. Zur beliebten „Große Kiesau Literaturnacht“ stellt sie ihre Galerie ebenso zur Verfügung wie für den jährlichen Tanz in den Mai. Aktuell ist alles natürlich anders. Der Lockdown trifft Kunst- und Kulturschaffende sehr hart. Gabi Bannow besinnt sich derweil auf ihre Arbeit. Sie spürt ganz deutlich, dass das Malen ihr gut tut und sie stärkt. Sie ist dem Leben für das Geschenk, ihre Talente leben zu können, einfach dankbar. Mit vorsichtigem Optimismus plant sie für den Juli eine Veranstaltung mit der Künstlerin Agnes Julia Mann und dem Musiker Johannes Winde im Rahmen der Aktion „Kulturfunke“. Geöffnet ist die „Galerie für eine Nacht“ üblicherweise donnerstags und freitags von 15-18 Uhr, sowie samstags von 11-17 Uhr.

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Barbara Schwartz

Kennst du das auch? Du kommst an einer Inschrift, einer Skulptur oder einer Gedenktafel vorbei und musst einfach stehenbleiben, um herauszufinden, was es damit auf sich hat? So geht es mir. IMMER! „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ Ich kann Goethe an dieser Stelle nur hundertprozentig zustimmen. Genau deshalb möchte ich nie aufhören, das nur scheinbar Unwichtige aufzuspüren, Zusammenhänge zu erkennen, Neues zu erfahren und Menschen und ihren Geschichten auf die Spur zu kommen. Okay und zu lange Sätze zu schreiben .. . Und neue Sprachen zu lernen natürlich ...

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