Into the trees

Geschrieben am:

Barbara Schwartz, Autorin Lübeck Zwischenzeilen

von:

Barbara Schwartz

Zu Besuch in der neuen Ausstellung im Günter Grass- Haus

„Saurer Regen“. Dieses Stichwort taucht als erstes in meinem Kopf auf, als ich die Ankündigung zur neuen Sonderausstellung „Into the trees“ im Günter Grass-Haus in Lübeck lese. Nicht verwunderlich. Bin ich doch ein „Eighties girl“, das die damalige drohende Krise des deutschen Waldes vor dem Hintergrund der bunten Pop-Welt rund um Madonnas „Like a virgin“, der ersten US-Serien im deutschen Fernsehen, des Wettrüstens und der Tschernobyl-Katastrophe als Zeitzeugin bewusst miterlebt hat. Aus diesem Grund war ich sofort neugierig zu erfahren, was sich hinter dem Titel der bis 27. Januar 2022 laufenden Sonderausstellung wohl verbirgt.

Sonderausstellung "Into the trees" im Günther Grass Haus in der Hansestadt Lübeck

Der Märchenwald von Günter Grass

Mitnichten geht es um den Märchenwald. Jedenfalls nicht um den Märchenwald als solchen. Die Sonderausstellung soll interdisziplinäre Grenzen überschreiten und einen aktuellen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs leisten. Zumal sich der Nobelpreisträger Günter Grass bereits in den 1970er und 1980er Jahren auf vielseitige Weise mit den Themen Umweltschutz und Waldsterben auseinandersetzte und damit ein gesellschaftlich bereits damals relevantes Thema aufgriff.

Die Sonderausstellung zeigt 30 bildkünstlerische Werke sowie Manuskripte des Nobelpreisträgers Günter Grass.

Das Günter Grass-Haus zeigt nun 30 bildkünstlerische Werke sowie Manuskripte des Nobelpreisträgers, darunter Radierungen, Kohle-, Sepia- und Rötelzeichnungen, Lithografien, Aquarelle und Bronzeplastiken und ist in drei thematische Bereiche unterteilt.

Der Wald als Rückzugsort

Den Anfang macht der „Wald als Rückzugsort von Günter Grass“. In diese „heile Welt“, den Ort, der dem Menschen Kraft gibt und ihn stärkt, taucht der Ausstellungsgast ein. Auf der dänischen Insel Møn hatte das Ehepaar Grass ein Ferienhaus, an das ein großer Buchenwald angrenzt. Buchen spielen in diesem Teil des Grass-Werkes eine bedeutende Rolle. Auch Wald-Gedichte schuf Grass. Diese sind in der Ausstellung zu den Bildern in Beziehung gesetzt. Hör-Stationen erlauben einen vertieften Einstieg in die Gedichte.

Werke von Günther Grass in der Hansestadt Lübeck

Die Zerstörung der Natur

Im zweiten Teil widmet sich die Ausstellung der Frage der Zerstörung der Natur durch den Menschen. Dem Roman „Die Rättin“ und dem Märchenwald in diesem Werk kommt hier eine Sonderstellung zu, da darin die apokalyptische Grundstimmung der 1980er Jahre verarbeitet wurde.

Das Sterben der Wälder begriff Günter Grass als Kulturverlust und Sterben der Märchen, die im 18. und 19. Jahrhundert einen so zentralen Punkt in der Literatur ausmachten. Grass sagte in einem Gespräch über den Wald im Januar 2011:

„Ich habe darüber geschrieben, dass unsere Kinder und Enkelkinder nicht mehr die Chance haben, sich im Wald zu verlaufen, was ja mitsamt den Ängsten, die man dabei zu überwinden lernt, etwas Wunderbares ist – auch im »Butt« spielt das eine Rolle. Jetzt sind überall Wege. Es wagt niemand vom Weg abzuweichen, sich ins Dickicht zu schlagen und sich einfach zu verlaufen. Durch den Verlust solcher Wälder verlieren auch die Märchen ihren Hintergrund.“

Günter Grass, Januar 2011

Die Welt der 1980er

Teil drei ist schließlich der Welt der 1980er Jahre gewidmet. Letzterer kommt der Ausstellungsgast vermittels einer eigens produzierten Filminstallation mit Originalaufnahmen näher, die den Kontext dieses widersprüchlichen Jahrzehnts zwischen Punkern und Poppern, zwischen den Grünen und Helmut Kohls „geistig-moralischer Wende“ herstellt.

Das Ziel der Ausstellung

Der Ausstellungstitel „Into the trees“ ist übrigens eine Reminiszenz an den Song „A Forest“ von The Cure aus dem Jahr 1980:

Eines der wichtigen Ziele der Arbeit des Günter Grass-Hauses ist, mit den Angeboten neue und jüngere Zielgruppen für das Werk Günter Grass‘ zu interessieren und dabei ausgetretene Pfade der Vermittlung zu verlassen. So auch dieses Mal.

Es wird ein Bogen zwischen der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Umweltschutz und dem Wald- und Kultursterben in den Arbeiten von Grass und der aktuellen Klimaschutzbewegung geschlagen. Dazu dient auch das bunte Begleitprogramm zur Ausstellung mit Lesungen, Spaziergängen, Workshops für Kinder, und einer Instagram-Aktion. Unter dem Hashtag #hhgintothetrees erwartet das Team des Günter Grass-Hauses Bilder rund um das Thema Wald.

An die jüngsten Gäste wurde in der Ausstellung ebenfalls gedacht: In der Kinderecke wartet das beliebte Waldungeheuer „Grüffelo“ auf junge Talente, die es dem Maler Günter Grass gleichtun und die Wände bemalen wollen.

Sonderausstellung "Into the trees" im Günther Grass Haus in der Hansestadt Lübeck

Das Rückbesinnung auf die Natur

Das Günter Grass-Haus versteht sich als „soziales Gebilde“, wie es der Leiter des Hauses Dr. Thomsa formuliert. Aktueller könnten die Bezüge der Sonderausstellung zu unserer Lebenswirklichkeit nicht sein. Erleben wir doch derzeit eine beispiellose Rückbesinnung auf die Natur, die nicht allein der Pandemie geschuldet ist. Waldbaden, Kräuterführungen, Gemüse- und Obstanbau in Privatgärten und Lauben. Themen, denen sich gerade auch viele Millenials mit großem Enthusiasmus widmen.

ZwischenTöne Snack

Hörtipp: Was war Ihr schönstes Walderlebnis, Herr Thomsa“

Mir gefällt, dass die Macher:innen der Ausstellung einen niedrigschwelligen Ansatz gewählt haben, um in das ja eher bedrückende Thema der Umweltzerstörung in der vielfältigen künstlerischen Auseinandersetzung seitens Günter Grass einzuführen. Zitate und Soundelemente stimmen emotional auf diesen Diskurs ein.

Seid nicht traurig. Wehrt euch.

Mit diesem mutmachenden Satz verlasse ich das Günter Grass-Haus. Und mit der Feststellung, dass die 1980er tatsächlich ziemlich schrill und schräg waren. Ich meine – ganz ehrlich: Vadder Abraham. Den hatte ich schon komplett vergessen…

Alle Infos rund um die Sonderausstellung findest du hier:

geschrieben von:

Barbara Schwartz, Autorin Lübeck Zwischenzeilen

Barbara Schwartz

Kennst du das auch? Du kommst an einer Inschrift, einer Skulptur oder einer Gedenktafel vorbei und musst einfach stehenbleiben, um herauszufinden, was es damit auf sich hat? So geht es mir. IMMER! „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ Ich kann Goethe an dieser Stelle nur hundertprozentig zustimmen. Genau deshalb möchte ich nie aufhören, das nur scheinbar Unwichtige aufzuspüren, Zusammenhänge zu erkennen, Neues zu erfahren und Menschen und ihren Geschichten auf die Spur zu kommen. Okay und zu lange Sätze zu schreiben .. . Und neue Sprachen zu lernen natürlich ...

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