Der Füchtingshof

Geschrieben am:

Barbara Schwartz, Autorin Lübeck Zwischenzeilen

von:

Barbara Schwartz

Heute empfehle ich dir einen Abstecher in die Glockengießerstraße 25-29, zu einem zwar ein wenig versteckt liegenden, jedoch sehr beliebten Ort in der Altstadt – dem Füchtingshof, der größten Stiftsanlage Lübecks, die 1639 begründet wurde und die ein überzeugendes Beispiel für die soziale Gesinnung Lübecker Kaufleute schon in früheren Zeiten ist.

Ich versuche immer, wenn ich dort vorbeikomme und das schwere Eingangstor nicht gerade wegen der Mittagsruhe der Bewohnerinnen geschlossen ist, für einen Moment hineinzuhuschen und die Pracht der Wohnanlage auf mich wirken zu lassen. Ich empfinde den Hof als einzigartige Oase der Ruhe. Manchmal komme ich mit einer der dort wohnenden Damen ins Gespräch, die vor ihrer Tür gerade eine Tasse Kaffee im Sonnenschein genießt.

Der Kaufmann Johann Füchting

1588 kam der 1571 in Rittberg in Westfalen geborene Füchting zu seinem Onkel Hermann Haselkampf nach Lübeck. Hier absolvierte er eine siebenjährige Kaufmannslehre. Anschließend eröffnete er zunächst auf Gotland und dann in Lübeck Geschäfte, die sich erfolgreich entwickelten: Johann Füchting erwarb zwei Häuser in der Breiten Straße und kaufte einen großen Garten vor dem Burgtor. Dieser Mann scheint ein ausgeprägtes Gespür für gute Geschäfte gehabt zu haben und den Mut, auch Risiken einzugehen. Während in weiten Teilen des damaligen Reiches Truppen im 30-jährigen Krieg kämpften, investierte Füchting erhebliche Mittel in mehr als 60 Schiffsneubauten.

Ein immerfort aktiver Mensch, den die Tätigkeit als Kaufmann offenbar nicht ausfüllte. Als Mitglied der Schonenfahrer wurde er schon bald deren Ältermann. Füchting wurde 1628 in den Rat der Stadt gewählt, war Kirchenvorsteher an St. Marien und gehörte den Vorständen verschiedener sozialer Einrichtungen an. Auch privat fand Füchting 1604 sein Glück: 31 Jahre lang war er mit seiner Ehefrau Margarete verheiratet. Die Ehe blieb allerdings kinderlos.

Das Füchtingsche Testament

1636 starb Margarethe und Johann Füchting setzte ein Testament auf, in dem er bekannte, dass ihn »der vielgütige Gott in seinem Stande und Beruf mit zeitlichen Gütern reichlich gesegnet« habe.

Mit Legaten und Schenkungen im Wert von mehr als 80 000 Mark bedachte Füchting Arme und Kranke, alte Menschen und Waisenkinder, das Pest- und Pockenhaus, die »unsinnigen Mädchen« vor dem Mühlentor und sämtliche Dienstmädchen in der Breiten Straße, die ihrer Herrschaft mehr als sechs Jahre treu gedient hatten.

Der Marienkirche überließ Johann Füchting von 500 Mark die Zinsen »mit dem Bedinge, daß die Herren Vorsteher vergönnen mögen, damit nach meinem Tode durch meine Testamentarien mein Epitaphium nehest meiner Begräbnis an dem Pfeiler, der sich dazu am besten schicket, aufgerichtet werden möge«. Das in St. Marien befindliche Epitaph ist bis heute erhalten.

Der verbleibende Teil seines Vermögens sollte zu gleichen Teilen an die Erben und in eine Stiftung fließen: zu Gottes Ehren und den Armen zu Nutz und Besten, desgleichen auch zu meiner und meiner gottsel. lieben Ehefrau immerwährenden Gedächtnis, auch anderen von dem lieben Gott gesegneten mildgebigen Christen zu einem Exempel und Nachfolge«.

Der Stiftshof

1637 starb Johann Füchting im Alter von 66 Jahren. Stadtbaumeister Andreas Jeger erwarb vom Kaufmann Christoffer Kuß dessen Gang nebst einem Haus in der Glockengießerstraße. Mit dem Kauf weiterer angrenzender Häuser und im Laufe von nur zwei Jahren wurde der Grundstein für den Füchtingshof gelegt. Seit damals erfolgten selbstverständlich viele Umbauten, eine umfassende Sanierung wurde in den Jahren 1975-1977 realisiert.

Imposant ist bis heute die geschlämmte Backsteinfassade in frühbarockem Stil, die durch ein reich verziertes Sandsteinportal mit der Allegorie der „Caritas“ sowie dem Wappen des Stifters ausgestattet ist. In der großzügig angelegten Hofanlage steht links ein langgestreckter zweigeschossiger Gebäudeflügel mit malerischen Dacherkern. Rechts im Füchtingshof sind es drei einzelne Gebäude. Vor jedem der Eingänge steht eine weiße Bank. Blumenbeete und Rosenstöcke verschönern im Sommer die hellgestrichenen Gebäude, hinter denen sich komfortable kleine Wohnungen verbergen, in denen heute übrigens nicht mehr mietfrei gewohnt wird.

Der Füchtingshof – einer von sieben historischen Stiftshöfen in Lübeck

Das Vorsteherzimmer

Im linken Seitenflügel ist seit 1653 in einem Gebäudevorsprung das sogenannte Vorsteherzimmer eingerichtet. Der Fußboden besteht aus gelb und grün lasierten Fliesen. Der Raum verfügt über eine prachtvoll geschnitzte Tür, kostbare Vertäfelungen und einen hohen Beilegerofen von 1653. Die Einrichtung ist mehr als 350 Jahre alt. Hier wohnte – du ahnst es – die Vorsteherin des Stiftshofes. Zum Tag des offenen Denkmals hast du in manchen Jahren die Möglichkeit, es dir direkt im Füchtingshof anzuschauen.

„Da alle sich auf diesem Hofe befindlichen Witwen die Wohlthat desselben ihrer Dürftigkeit wegen genießen, so ist dagegen deren Pflicht, sich ehrbar, und ihrer Lage gemäß anständig zu kleiden, allen thörigten Putz und Kleiderschmuck zu unterlassen, stille, sittsam und ehrbar zu leben, und in gesunden Tagen den öffentlichen Gottesdienst nicht zu versäumen.“

Auszug aus der Hofordnung von 1792

Und Du bestimmst alles!

Stifter wie Johann Füchting durften festlegen, wer und wie viele Personen von welchem gesellschaftlichen Stand in ihrer Einrichtung später einmal wohnen durften. Musste man z.B. in Augsburg ein Bürger der Stadt sein, arm und katholisch, um in der Fuggerei aufgenommen zu werden, so verfügte Johann Füchting, dass ausschließlich bedürftige Kaufleute-Witwen und höchstens vier Schiffer-Witwen aufgenommen werde sollten. Jungfrauen sollten hingegen keine Aufnahme finden, „weil es nach des Testators Willen ein Frauen und kein Jungfernhof seyn soll, damit des Seel. Herrn Defuncti Willen nachgelebt wird“. In den Stiftungen durfte mietfrei gewohnt werden, es musste jedoch ein „Begräbnisgeld“ hinterlegt werden.

Im Füchtingshof und anderen Stiftungen erhielten die Bewohnerinnen ein Taschengeld, das sogenannte „Quartalgeld“. Das Geld – 10 Mark Lübsch – wurde jeweils am Osterabend, am Johannisabend, am Michaelisabend und an Heiligabend ausgehändigt. Gewöhnlich wurde den Damen auch die Hofordnung verlesen. Mit diesem Wissen im Kopf ist es doppelt schön, wenn du dich an einem versteckten Platz im Füchtingshof niederlässt und die Ruhe des Ortes auf dich wirken lässt. Vielleicht wirst du von einer der Anwohnerinnen zu einer Tasse Kaffee eingeladen.

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Barbara Schwartz, Autorin Lübeck Zwischenzeilen

Barbara Schwartz

Kennst du das auch? Du kommst an einer Inschrift, einer Skulptur oder einer Gedenktafel vorbei und musst einfach stehenbleiben, um herauszufinden, was es damit auf sich hat? So geht es mir. IMMER! „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“ Ich kann Goethe an dieser Stelle nur hundertprozentig zustimmen. Genau deshalb möchte ich nie aufhören, das nur scheinbar Unwichtige aufzuspüren, Zusammenhänge zu erkennen, Neues zu erfahren und Menschen und ihren Geschichten auf die Spur zu kommen. Okay und zu lange Sätze zu schreiben .. . Und neue Sprachen zu lernen natürlich ...

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